Überblick - abgeschlossen

Das Polybios-Lexikon dient einerseits der Erschließung des Wortschatzes der Historien des Polybios (um 200 - 120 v. Chr.), der wichtigsten Quelle für die Geschichte der hellenistischen Welt. Andererseits soll der Aufstieg Roms  im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr., in der Form eines Bedeutungswörterbuches als Beitrag zur Geschichte der hellenistischen Gemeinsprache, der sog. Koiné, erschlossen werden.

 

Die Aufgabe:

Durch die Ungunst der Überlieferung gleicht die griechische Literatur der hellenistischen Zeit einem Trümmerfeld. Die erhaltenen Teile der Historien des Polybios bilden das größte Textcorpus der seit J. G. Droysen Hellenismus genannten Epoche, die die Zeit Alexanders des Großen und der Nachfolgestaaten seines Weltreiches bezeichnet. Die 1.716 Seiten der Ausgabe von Theodor Büttner-Wobst (Leipzig 1882-1905) stellen etwa ein Drittel des universalhistorischen Werks dar, das in 40 Büchern die Zusammenführung der Mittelmeerwelt unter der Herrschaft Roms vom Vorabend des Ersten Punischen Krieges (264 v. Chr.) bis zur Zerstörung Karthagos und Korinths (146 v. Chr.) behandelt. Die ersten fünf Bücher sind vollständig erhalten, von den brigen gibt es teilweise recht umfangreiche Exzerpte.

Das Geschichtswerk des Polybios ist für uns das umfangreichste und wichtigste Zeugnis für die Geschichte des Hellenismus im 3. und 2. vorchristlichen Jahrhundert und zugleich die früheste erhaltene Quelle bedeutenden Umfangs über das republikanische Rom. Der Autor bietet außerdem reiches Material zu Theorie und Methode der antiken Geschichtsschreibung und einen langen, wirkungsgeschichtlich höchst bedeutsamen staatstheoretischen Exkurs; und schließlich ist nur hier anhand ausreichenden Materials die gehobene Form der hellenistischen Gemeinsprache (Koiné) faßbar. Das aus historischer, geschichtsphilosophischer und sprachlicher Sicht einzigartige Dokument verlangt eine ins einzelne gehende lexikalische Bearbeitung.

 

Der Stand der Forschung:

Ein erstes Resultat lexikographischer, allerdings stark selektiver Arbeit am Polybios-Text ist das "Lexicon Polybianum" Johannes Schweighäusers von 1795 nebst einem Index historicus et geographicus im Abschlußband seiner monumentalen Ausgabe (8 Bde., Leipzig 1789 ff.). Obwohl die Kenntnis des hellenistischen Historikers in den Dezennien bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf eine beträchtlich erweiterte Textgrundlage gestellt werden konnte, basieren die Polybios-Einträge in den lexikographischen Standardwerken des Griechischen noch immer weitgehend auf Schweighäusers Pionierleistung.

Die umfassende Erschließung des gesamten Wortschatzes in Form eines großangelegten Bedeutungswörterbuchs ist Aufgabe des seit 1956 erscheinenden Polybios-Lexikons. In detaillierter Analyse des Materials fährt es unter den einzelnen semantisch, formal-grammatisch oder phraseologisch begründeten (Sub-)Rubriken der Stichwortartikel nach Angabe der jeweiligen Frequenzzahl alle einschlägigen Belegstellen auf. Es gibt Auskunft über die syntaktische Verwendung eines Wortes, Hinweise auf Syn- und Antonyme, morphologische Angaben zu jedem Verb und bei Bedarf auch Sachinformationen; die Dokumentation des sprachlichen Kontextes wurde zunehmend verstärkt. Ziel des Akademienvorhabens ist, dieses Spezialwörterbuch des hellenistischen Griechisch zu vollenden.

Das seit 1949 von der Berliner Akademie der Wissenschaften betreute Werk geht auf den Plan von Büttner-Wobst zurück, seiner Polybios-Ausgabe nach Schweighäusers Vorbild ausführliche Indizes beizugeben. Den Index der Eigennamen und der antiken Autoren konnte er noch selbst veröffentlichen; die Verzettelung des Wortmaterials war jedoch erst zu 30 Prozent bewältigt, als er 1905 starb. Für die Weiterführung der Arbeit engagierte sich die Sächsische Akademie der Wissenschaften, die Arno Mauersberger 1930 die Bearbeitung des inzwischen verzettelten und teilweise alphabetisch vorgeordneten Materials übertrug.

In den Jahren 1934 bis 1947 ruhte die Arbeit am Vorhaben. Danach waren zunächst Kriegsschäden an der Materialsammlung zu beheben. Von 1949 bis 1972 widmete sich Mauersberger der Ausarbeitung des Lexikons, seit 1954 unterstützten ihn dabei ein bis drei Mitarbeiter. Mauersbergers Arbeit wurde fortgeführt von Günter Glockmann, der erst seit 1990 von zwei fest angestellten Mitarbeitern unterstützt wurde.

Vier Lieferungen, welche die Stichwörter der Buchstaben α - ο enthalten, sind bis 1975 erschienen; zwei weitere Lieferungen, die den ersten Teil der Stichwörter des sehr umfangreichen Buchstabens π, nämlich bis ποιεω, und die Stichwörter der Buchstaben ρ - τ (bis τοκος) enthalten, sind 1998 bzw. 2002 erschienen. Vom Gesamtwerk stehen noch aus: die letzte Lieferung mit den Stichwörtern zu den Buchstaben τ (ab τολμα) - ω und die zweite Hälfte der Stichwörter zu π (ποιημα - πως). Der Abschluß des Lexikons ist für die nächste Zeit geplant.

Die langwierige Arbeit an der Materialgrundlage des Unternehmens hat auch im Zeitalter des Computers ihren Wert nicht verloren: Dank der vom Thesaurus Linguae Graecae (University of California, Irvine) geschaffenen Datenbank ist jetzt ein schneller Zugriff auf den Text der Büttner-Wobst-Ausgabe möglich; dennoch bleibt die Auswertung des Belegstellenarchivs, das ungefähr 100 großformatige Karteikästen umfaßt, unerläßlicher Ausgangspunkt für die Bearbeitung jedes Stichworts, da auch Informationen zur Textkritik und -geschichte in die Verzettelung einbezogen wurden, also wichtige editorische Informationen, die der Thesaurus Linguae Graecae nicht bietet. Gegenüber einem einfachen, computergestützten Stellenindex bietet das Polybios-Lexikon eine möglichst umfassende philologische Erschließung des Textbestandes.

Mit Hilfe eines Scanners wurden die 1956 bis 1975 entstandenen vier ersten Lieferungen des Polybios-Lexikons elektronisch erfaßt und damit für moderne Speichermedien verfügbar gemacht. Dies vereinfacht und beschleunigt die Arbeit und hilft, die Einheitlichkeit des Lexikons zu sichern. Es ist geplant, diese vier seit längerer Zeit vergriffenen Lieferungen in einer zweiten Auflage anzubieten, damit in absehbarer Zeit das gesamte Lexikon erworben werden kann. Die erste Lieferung (α - γ) ist Anfang 2000 in zweiter, verbesserter Auflage erschienen. Das Lexikon soll nach seinem Abschluß auch in einer modernen, für Computer verwertbaren Form zugänglich gemacht werden.